"The Rock - Fels der Entscheidung"

Amateurweltmeisterschaften 2017

In der Rocca Albonorziana (von vielen Teilnehmern nur "the rock" genannt) gingen am  08.04.2017 die FIDE- Amateurweltmeisterschaften zu Ende. In meiner Klasse (ELO unter 1700) war ich unter 69 Teilnehmern der einzige Deutsche und auch der einzige Spieler, der das Turnier ohne Niederlage mit 7 Punkteteilungen, einem "echten" und einem kampflosen Sieg beendete. Das brachte mir dann den 18. Platz in der Endabrechnung ein (geteilter 12.-19.Platz). Unter den gegebenen Umständen kann ich mit meinem Ergebnis ganz zufrieden sein, denn ich hatte in der Turnierwoche mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen.
Den ersten Fehler machte ich allerdings nicht am Schachbrett, sondern bereits bei der Planung meiner Anreise. Statt bequem einen Billigflug nach Rom zu buchen, entschied ich mich aus sentimentalen Gründen (früherer Familienurlaub aus den 80er Jahren, bei dem wir exakt die selbe Strecke gefahren sind) für die Anreise per PKW, die mich 2 Tage (500 + 900 km) und viele Nerven kostete. Auf der Autobahn südlich von Mailand erwischte ich bei 130 km/h fast einen Motorradfahrer, als dieser sich zwischen mir und einem LKW auf der rechten Spur durchquetschte und ich in einer Schreckreaktion das Steuer verriss.
Kurz vor dem Ziel wurde ich auch noch von den Carabineri gestoppt, die mit nervenaufreibender Gründlichkeit meine Papiere überprüften (Terrorfahndung?) und mich dann aber unbehelligt passieren ließen. Spät am Abend erreichte ich völlig übermüdet mein Hotel, um schon am nächsten Tag am Schachbrett zu sitzen.
Der von der FIDE gewählte Spielort erwies sich als mittelalterliche Festung (erbaut durch Kardinal Albonorz im vierzehnten Jahrhundert), die auch ein Museum beinhaltet und mit wunderschönen Fresken verziert ist. Während der ganzen Turnierwoche lief der normale Museumsbetrieb weiter, was dazu führte, dass wir ständig im Kassenbereich für zahlungspflichtige Museumsbesucher gehalten wurden und abkassiert werden sollten. Das war nicht weiter problematisch, es sei denn, man hatte seinen Turnierausweis im Hotel vergessen.
Meine Gruppe (ELO < 1700) spielte in der "Gruft", in der Temperaturen wie im Kühlschrank herrschten. Der Kontrast zu den außerhalb der Festung herrschenden frühsommerlichen Temperaturen sowie die falsche Wahl meiner Oberbekleidung verschafften mir eine fette Sommergrippe, die ich die letzten Tage nur durch die volle Tablettendröhnung überstehen konnte.
Rein schachlich betrachtet verhinderten ein besseres Abschneiden meine verhaltene Spielweise sowie meine schlechten Eröffnungskenntnisse. Bei 7 Remispartien könnte man auch eine gewisse Passivität vermuten, trotzdem nahmen viele meiner Partien einen interessanten und wechselhaften Verlauf. Das lag aber nicht an mir, sondern an meinen Gegnern, die etwas riskierten und einmal (5. Runde) die Stellung überzogen. Mein einziger echter Sieg wurde mir also aufgezwungen, ebenso natürlich der kampflose Sieg aus der 8. Runde.
Ich habe jetzt aber ein Jahr Zeit für die Vorbereitung auf die nächsten Titelkämpfe in Cagliari (Sardinien) und wenn ich mir so die Partien desjenigen ansehe, der in unserer Gruppe Weltmeister wurde, kann ich nur sagen: So etwas kriege ich auch hin!
Natürlich braucht man etwas Losglück, aber warum sollte mich das Schweizer System nicht einmal ganz nach oben spülen!?
 
11.04.2017    Matthias Bauer