Spoleto

Bei den Amateurweltmeisterschaften im Italienischen Spoleto bleibe ich auch nach der 6. Runde ungeschlagen. Inzwischen kann ich bei einem einzigen Sieg bereits 5 Remispartien vorweisen. Der Trend aus den Mannschaftskämpfen setzt sich also ungebrochen fort.
Aber selbst wenn ich die letzten 3 Runden alle gewinne, kann ich es nicht mehr aufs Podium schaffen, mit sehr viel Glück vielleicht noch in die Preisränge.
Es ist nicht allein das Schachspiel, welches für mich die Faszination dieser FIDE- Veranstaltung ausmacht. Es sind vielmehr die vielen Paradiesvögel und interessanten Persönlichkeiten aus über 50 verschiedenen Nationen, die sich so angenehm von uns langweilig saturierten Schachspielern in Deutschland unterscheiden. Wann hat man denn schon mal die Gelegenheit, mit einem Schotten, Japaner, Engländer sowie einer Kazachin, Brasilianerin und Griechin in einer Gruppe einen abendlichen Stadtbummel zu unternehmen und sich die ganze Zeit über in der "Weltsprache" Englisch zu unterhalten?  "Gens una sumus", das Motto der FIDE wird hier mit Leben erfüllt und leistet einen enormen Beitrag zur Völkerverständigung.
Bei aller Begeisterung darf aber auch die Kritik nicht fehlen. Da ich bereits 2x an den Weltmeisterschaften der ACO (Amateur chess organization) teilgenommen habe, kann ich diese beiden Verbände gut miteinander vergleichen. Die Veranstaltungen der ACO (privater Deutscher Veranstalter) sind perfekt organisiert und auch die Hotels (5 Sterne) lassen keine Wünsche offen. Allerdings fehlt mir bei der ACO der internationale Charakter, der überwiegende Teil der Teilnehmer kommt aus dem Deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz). So spielte ich bei meiner ersten ACO-WM gegen 8 Deutsche Muttersprachler und einen Niederländer.
Beide Verbände teilen die Teilnehmer nach ihrer Spielstärke in verschiedene Gruppen ein, jede Gruppe (FIDE 3 Gruppen, ACO 7 Gruppen) kürt ihren eigenen Amateurweltmeister. Dabei werden Spieler ohne Wertungszahl bei beiden Verbänden in der untersten Gruppe einsortiert. Aus rein sportlicher Sicht halte ich das für sehr bedenklich, da offensichtlich niemand überprüft, wie stark diese Spieler wirklich sind. Es kann sich um blutige Anfänger handeln, aber auch um Spieler mit Regionalliganiveau, sofern sie keine Wertungszahl haben. Ich wage mal die Prognose, dass Thomas Freisen und Christopher Kükenbrink wegen ihrer nicht vorhandenen ELO die unterste Gruppe hier in Spoleto locker gewinnen und sich Amateurweltmeister nennen dürften (einschließlich Verleihung des CM-Titels!).
 
06.04.2017        Matthias Bauer